Zu Ehren der „amitié franco-allemande“ bekamen wir eine Einladung unserer Partnerstadt Rillieux-la-Pape in der Nähe von Lyon, die Beziehungen auf kultureller Ebene zu begehen und uns mit der Tradition des Puppenspiels zu beschäftigen. Die in der Nähe Rillieuxs gelegene Kleinstadt Lyon ist die kulturelle Wiege des Guignol-Theaters. Die Figur des Guignol ist eine Art Cousin unseres Kasperles, aber eher bissig-satirisch, handelt es sich doch um einen arbeitslosen Seidenspinner, der mit seinem stets rotnasig-angetrunkenen Freund die politischen Verhältnisse kritisiert. So ist der Guignol heute nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen so beliebt, dass die Besucher die vielen kleinen Guignoltheater Lyons am Leben erhalten und auch unsere Veranstaltung in Rillieux überraschend zahlreich besuchten.

 Sechs Schülerinnen und Schüler des Neigungsfachs Französisch der Kursstufe 1 begaben sich also mit Frau Krüger und Frau Götz auf Guignols Spuren, entwickelten ein Stück, in dem Guignol Besuch von seinem Freund Kasperle bekommt und die beiden in einen zünftigen Streit geraten, wessen Essen eigentlich das schmackhaftere sei. Der weise und verfressene König („Moi, le roi…“) beendet den Streit salomonisch, „grace a mon gout vachement grand“, und erklärt den Tag für den Tag der „amitié franco-allemande“, der fortan jedes Jahr gefeiert wird.

Die Schülerinnen und Schüler übersetzten den Text, suchten die Kostüme und Requisiten zusammen, befreundeten sich mit der durch eine französische Delegation überbrachten Guignolpuppe, übten ihre Rollen während der sechsstündigen Fahrt im Minibus nach Rillieux und nahmen noch am selben Abend in ihrer Unterkunft die Intensivproben für die bevorstehenden Aufführungen auf.

Im Kulturzentrum Rillieuxs hatte der Bühnentechniker und Regisseur bereits eine wunderbare Kasperlebühne für uns eingerichtet, stattete die Spielerinnen und Spieler hinter der Bühne mit Mikrofonen aus und beleuchtete professionell. Als dann am Abend die großen und kleinen Besucher das Theater so zahlreich besuchten, dass die Eltern ihre Kinder auf den Schoß nahmen, damit alle untergebracht werden konnten, war die Stimmung auf dem Höhepunkt und das Lampenfieber stieg. Marisa Stretz vom OFAJ, dem Deutsch-Französischen Jugendwerk, und Marie-France Bartholomé von der Stadt Rillieux umrahmten die Vorführung sympathisch mit Sprachanimation und Hintergrundinformationen, sodass es insgesamt eine einstündige runde Veranstaltung mit viel Gelächter und Applaus und Gesprächen über deutsche versus französische Mahlzeiten wurde.

Den Folgetag verbrachten wir, wie auch an allen anderen Tagen begleitet von unzähligen reichhaltigen Mahlzeiten, in Lyon, wo wir am Nachmittag eins der kleinen Guignoltheater besuchten. Der Besitzer und Guignolspieler war schon am Vortag in unserer Aufführung gewesen und passte sein kleines Stück mit vielen Anspielungen auf die Charaktere der Schülerinnen und Schüler an. Hinterher durften wir seine zum Teil zweihundert Jahre alten Handpuppen bespielen und Theaterluft schnuppern.

Der letzte Tag hielt noch einmal drei Schulklassen der örtlichen Grundschule für uns bereit, denen wir die Kasperle-Guignol-Begegnung vorführen durften. Der Haribo-niesende Fressdrache brachte kurz alle Kleinen aus der Fassung und das Bonbonaufsammeln wurde zur Hauptattraktion, dennoch konnte man auch hier die Begeisterung für die Tradition des Guignol spüren und Lust auf weitere Ideen für Guignol-Kasperle-Begegnungen bekommen.

Ausgestattet mit neuen Projektideen, jeder Menge kulinarischen Köstlichkeiten, französischen Spracheindrücken, einer sündhaft teuren Guignol-Handpuppe als Geschenk der Partnerstadt und wenig Schlaf machten wir uns auf den Weg in die Heimat. Zukünftige Wiedersehen mit Guignol und Kasperle sind bereits angedacht – on verra!

(A.K.)